Digitalisierung heißt Gefangenschaft & Freiheitsverlust?

Wie oft hörte ich schon die Sätze, mit wohl dosiertem Vorwurf im Unterton, wie Unfrei und abhängig ihr durch die Technik doch seid. Mit ihr sind alle gemeint, die ein Smartphone in der Tasche tragen. Und obwohl ich immer wieder widerspreche, sagt etwas tief in mir: „So Unrecht hast du nicht.“

Wenn ich morgens aufstehe überprüfe ich zunächst durch mein Fitnessarmband, wie ich geschlafen habe. Wenn ich mich fertig gemacht habe und das Haus verlasse, höre ich Musik- mit meinem Handy. Ist der Tag vorüber sitze ich am PC und schreibe. Oder spiele. Oder surfe.

 

Ihr seid doch alle abhängig!

Das schöne (und anstrengende) an meinem Opa ist, das er sagt, was er denkt. Das endet des Öfteren mal in große und kleine Peinlichkeiten, manchmal wünschte ich, er hätte das nicht gesagt. Sicherlich meint es mein Opa gut, wenn er mir sagt, dass alle mit „Knopf im Ohr“ abhängig seien. Und das ihm die ganzen lauten Gespräche in Bus und Bahn auf die Nerven gehen, ist die Wahrheit.

Tschüss, Freiheit?

Tschüss, Freiheit?

„Die haben gar keine Schamgefühle mehr!“- und das stimmt vielleicht sogar. Wer in der Bahn sämtliche geistigen Ergüsse, inklusive Details aus Sexleben und Bankdaten verlautbart, der scheint grundsätzliches nicht verstanden zu haben.

Mein Opa erzählt dies alles aus der interessanten Sicht eines unbeteiligten. Kein Smartphone, Uralt-Telefon mit Wählscheibe, zwangsweise neuer Fernseher. Ob er nicht mal ein Handy haben will, für den Notfall? Nein. Das macht unfrei und abhängig. Und immer erreichbar.

Die Überzeugung mag mittlerweile vielleicht gar Sturheit gewichen sein. Er nimmt Handys nicht mal als Geschenk an. Früher, in der guten alten Zeit, da gab es sowas auch nicht, und die Menschen waren glücklich.

So anstrengend ich das finde, so schön finde ich es. Schön, mal eine komplett andere Sichtweise über die Dinge zu haben. Auch mal zu diskutieren- mit jemandem dessen Meinung sowieso feststeht. Denn so Unrecht hat er eigentlich gar nicht.

 

Handy = Gefangenschaft?

Tatsächlich machen Smartphones unfrei: Sie erfordern ständig unsere Aufmerksamkeit. WhatsApp hier, Wetterwarnung da, Eilmeldung hier und Statistiken da. Einige Menschen haben den Bereich, in dem Technik unser Leben vereinfacht hatte längst überquert und sind nun am anderen Ende, da wo Technik uns das Leben schwerer macht und andere nervt, angekommen.

Lautes Telefonieren und Musik hören in der Öffentlichkeit kann seine Wurzeln genauso gut in unbelehrbarer Rücksichtslosigkeit wie in Gewöhnung haben. Fakt ist: Viele Menschen fühlen sich gestört von lauten Gesprächen auf engem Raum (Ach was?!).

Es ist bereits so, dass einige Menschen bei Smartphoneentzug aggressiv werden, einige gar gewalttätig. Solange wir jedoch bei solchen Menschen, die Hände vor dem Gesicht zusammenfalten und dieses Verhalten verachten, scheint noch etwas bei uns richtig zu laufen.

Opa, vielleicht hast du teils Recht: Wir sollten aufpassen, dass uns die Technik nicht zum Gefängnis wird. Wir sollten ein gesund balanciertes Verhältnis zur Technik pflegen.

Aber: Smartphones machen nichts kaputt, was vorher da war. Fehlende Erziehung kann keine Technik dieser Welt wett machen. Ich glaube, es ist vielmehr ein gesellschaftliches Problem und Smartphones nur das Mittel, mit dem dies für dritte bemerkbar wird.

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